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Neuerervorschlag 'Schwarz': Ein Herrenlederhandschuh ausgestattet mit einer Kleinkamera

Kreative Tschekisten

Eine Fotokamera im BH, eine Funkstation im Reserverad, eine Reizgas versprühende Taschenlampe oder ein Versteck für Schriftgut im Feuerlöscher: Der Erfindungs- und Ideenreichtum der hauptamtlich und inoffiziell für das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) tätigen Männer und Frauen beeindruckt und lässt zugleich erschaudern. Für das MfS nahm das Neuererwesen einen wichtigen Stellenwert ein. Es basierte auf Bestimmungen, Informationskanälen, Hierarchien, und Zielvorgaben. In regelmäßigen Abständen bestaunte ein ausgewählter Personenkreis die Produkte des tschekistischen Ideenmanagements auf Neuererausstellungen und den MMM, den "Messen der Meister von Morgen". Zudem standen zahlreiche Aspekte des Neuererwesens im Zentrum zahlreicher MfS-interner Fachschul- und Diplomarbeiten.

Das Neuererwesen in der DDR war auch als Neuererarbeit, Neuerertätigkeit oder Neuererbewegung bekannt. Es handelte sich um ein in den 1960er Jahren eingeführtes, staatlich gelenktes Ideenmanagement, mit dem die Produktivität der Planökonomie und die Effizienz der Verwaltung gesteigert sowie Prozessabläufe in Bildung, Forschung, Handel, Verkehr und Versorgung verbessert werden sollten. Im MfS waren alle Diensteinheiten dazu aufgerufen, kreativ-schöpferisch tätig zu sein und ihre formulierten Ideen, die Neuerervorschläge, in die Tat umzusetzen. Dabei machte es keinen Unterschied, ob es sich um "operative" Diensteinheiten handelte, also beispielsweise die Hauptabteilungen (HA) I (NVA und Grenztruppen), HA II (Spionageabwehr), HA VI (Interhotels, Reiseverkehr, Passkontrolle), HA VII (Ministerium des Innern), HA IX (Untersuchung), HA XVIII (Volkswirtschaft), HA XIX (Fernmelde-, Post- und Verkehrswesen), HA XX (Jugend, Sport, Kirche, Massenorganisationen, Justiz, politischer Untergrund) oder die Hauptverwaltung A (HV A, Auslandskaufklärung). Auch beteiligten sich Struktureinheiten, die vornehmlich als MfS-interne Dienstleister fungierten, also wie die Abteilung M (Post- und Paketkontrolle), die HA III (Funkabwehr und Funkaufklärung), HA VIII (Beobachtung, Ermittlung, Festnahme, Durchsuchung), die Abteilung XIV (Untersuchungshaft), die Abteilung 26 (Telefon- und Videoüberwachung), die Abteilung Nachrichten, die Abteilung Finanzen, der Medizinische Dienst, das Büro der Leitung, die Verwaltung Rückwärtige Dienste oder der Operativ-Technische Sektor (OTS).

Obgleich sich die zahlreichen Diensteinheiten aufgrund ihres Aufgabenspektrums, ihrer Arbeitsweise und ihrer Organisation auf Zentral-, Bezirks- oder Kreisebene unterschieden, verfolgten im Rahmen des Neuererwesens alle ein gemeinsames Ziel. Zum einen ging es um die stete Optimierung der Mittel und Methoden des Repressions- und Überwachungsapparates. Zum anderen sollten die Erscheinungen der DDR-Mangel- und Misswirtschaft, mit denen auch das MfS täglich zu kämpfen hatte, abgemildert werden.

Anhand der im Stasi-Unterlagen-Archiv überlieferten Unterlagen lässt sich erkennen, auf welche Themenfelder sich das tschekistische Ideenmanagement besonders konzentrierte. So sind Neuerervorschläge dokumentiert, die die effektivere Gestaltung von Dienst- und Arbeitsabläufen, beispielsweise bei Abfertigungsprozessen an den Grenzübergangsstellen, bei operativen Beobachtungseinsätzen, konspirativen Wohnungsdurchsuchungen, bei der Postkontrolle und bei Reparaturdurchläufen bei Dienst-Pkw thematisieren. Darüber hinaus standen die Erhöhung der Sicherheit der offiziellen und konspirativen Dienstobjekte, der Geheimschutz und die Entwicklung von speziellen Behältnissen zum Transport von Schriftgut ("Containern") permanent im Fokus. Die Verbesserung und Neuentwicklung von optischen und audiovisuellen Geräten sowie die wissenschaftlich-technische Analyse, Entwicklung, Erprobung und Forschung waren vielfach Betätigungsfelder der HV A, der HA VIII und des OTS.

Als ebenso wichtig wurden Neuerervorschläge erkannt, die die Einsparungen bei Baustoffen, Büromaterialien, Energieträgern und finanziellen Mitteln sowie die Entwicklung von Hilfsmitteln zur besseren Pflege und Wartung der Ausrüstung, der Technik und des Fuhrparks behandelten. Auch Lösungsansätze, die die Erhöhung der militärischen Einsatzbereitschaft, der Lehr- und Ausbildungstätigkeit oder die effizientere Gestaltung der Stabs- und Verwaltungsarbeit im MfS zum Inhalt hatten, sind aus den Stasi-Unterlagen abzuleiten. Schließlich sollten Neuerervorschläge zur Verbesserung des Arbeits-, Gesundheits- und Brandschutzes sowie der medizinischen und sozialen Betreuung der hauptamtlichen, inoffiziellen und ehemaligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern beitragen.

Neuerervorschlag 'Halogen' im betriebsbereiten Zustand. Es handelte sich um eine in eine Werkzeugkiste integrierte Fotostation für Dokumente

Hierarchien und Verantwortungsbereiche

Im Jahr 1989 war das Neuererwesen dem Stellvertreterbereich unter Generalleutnant Wolfgang Schwanitz zugeordnet. Alle richtungsweisenden Entscheidungen gingen vom Neuererrat (NR) und dessen Erstem Vorsitzenden aus. Dies betraf die Organisation der regelmäßigen Beratungen, Konferenzen und Messen sowie die Weitergabe wissenschaftlicher Erkenntnisse aus Publikationen an die untergeordneten Gremien. Dem NR oblag federführend die Zusammenarbeit mit dem Amt für Erfindungs- und Patentwesen der DDR und dieser urteilte bei Streitfragen (Prämienvergabe oder Ablehnungen), die sich aus dem Neuererwesen ergaben. Das Zentrale Büro für Neuererwesen (ZBfN) fungierte als Arbeitsorgan des NR. Dies befand sich im Anleitungsbereich des Leiters der Abteilung OTS. Das ZBfN leitete die Zentralen Neuereraktive (ZNA) und die Beauftragten für Neuererwesen (BfN) an. Es übernahm auch die Prüfung und Beurteilung von eingereichten Neuerervorschlägen und die Einholung von Gutachten und Stellungnahmen. Bei Neuerervorschlägen, die von mehreren Diensteinheiten zusammen bearbeitet wurden, koordinierte das ZBfN teilweise die Zusammenarbeit vor allem hinsichtlich möglicher Abordnungen oder Reisetätigkeiten. Hinzu kam, dass es Neuerungen auf mögliche Patentreife hin begutachtete und in Absprache mit der Abteilung Finanzen für die Mittelbewirtschaftung verantwortlich war.
 

Neuerervorschlag 'Markt': Ein handelsüblicher Spankorb mit eingebauter Kamera

Das ZBfN erledigte auch die Organisation und Durchführung der Beratungen, Konferenzen und Messen und betreute den Zentralen Nachnutzungskatalog, indem alle im MfS zur Nachnutzung gekommen Vorschläge verzeichnet waren. Die Zentralen Neuereraktive (ZNA) waren die Scharniere, die das ZBfN und die Diensteinheiten verbanden. Diese standen an der Spitze des Neuererwesens in den Bezirksverwaltungen, den Hauptabteilungen, den selbstständigen Abteilungen, dem Wachregiment "Feliks Dzierzynski", dem Medizinischen Dienst, der Juristischen Hochschule und der HV A. Hauptbetätigungsfelder der ZNA waren die Erarbeitung und Koordinierung von Zielvorgaben und Themenvorschlägen entsprechend den Schwerpunkten der Diensteinheit, die Entgegennahme von Berichten und Rechenschaftslegungen und die Auswahl geeigneter Exponate für die regelmäßigen Ausstellungen und Messen.

Ferner steuerten die ZNA die linienspezifische Anleitung der Neuereraktive (NA), vor allem die Prüfung der Neuerervorschläge bezüglich der Nachnutzbarkeit und Übernahme auf Linie. Den Leitern der MfS-Diensteinheiten und den Vorsitzenden der jeweiligen ZNA zur Seite gestellt, waren die Beauftragten für Neuererwesen (BfN). Sie fungierten als Sekretäre des ZNA und koordinierten das Neuererwesen im spezifischen Dienstbereich. Dies betraf die Registrierung der Neuerervorschläge, die Entscheidungsfindung bei Prämienvergabe und die stabsmäßige Analyse des Neuererwesens im Verantwortungsbereich. Das ZNA jeder Diensteinheit gab darüber hinaus den Nachnutzungskatalog heraus, der alle linienspezifischen Neuerungen beinhaltete. Unter den ZNA agierten die NA, die ebenso wie die ZNA über einen Vorsitzenden und BfN verfügten. In den NA wurde die Vor-Ort-Arbeit geleistet, also die einzelnen Neuerer und die Neuererkollektive angeleitet, Vorschläge entgegen genommen, beurteilt, auf Nutzbarkeit geprüft und Vorschläge zur Prämierung gemacht.

Alljährlich verfasste der Vorsitzende eines NA einen Jahresbericht für das ZNA. Dieser beinhaltete eine Kurzbeschreibung der Vorhaben, den Bildungsstatus der einzelnen Neuerer (Hochschulabsolvent, Fachschulabsolventen, Facharbeiter) sowie die Anzahl der übernommenen und abgelehnten Vorschläge. Als Basiseinheiten galten die Neuererkollektive, die sich aus einzelnen Neuerern zusammensetzten. Sie waren hauptamtlich oder inoffiziell für das MfS tätige Männer und Frauen, die in der Regel zu ihrem Vorschlag mit dem Leiter der Diensteinheit und dem Vorsitzenden des Neuereraktivs eine Neuerervereinbarung abschlossen. Eingang fanden konkrete Angaben zu Aufgabenstellung, Zielen und Zeitraum. Hinzu kamen Festlegungen zu Dokumentation, Musterbau, Geheimhaltungscharakter, vorgesehenen Nutzung, Materialverbrauch und Finanzierung.

Neuerervorschläge konkret: Die Abteilung VIII der Bezirksverwaltung Suhl

Die Abteilung VIII der Bezirksverwaltung Suhl war verantwortlich für Beobachtung, Ermittlung, Festnahme und Durchsuchung. Bis Anfang Dezember 1989 fungierte Oberstleutnant Friedrich-Wilhelm Forner als Abteilungsleiter. Ihm unterstanden 72 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die im DDR-Bezirk Suhl 36 inoffizielle Quellen (19 IMS "Inoffizielle Mitarbeiter zur Sicherung des Verantwortungsbereiches"; 8 IME "Inoffizielle Mitarbeiter im besonderen Einsatz"; 2 FIM "Führungs-IM" und 7 GMS "Gesellschaftliche Mitarbeiter Sicherheit") anleiteten. Zur Aufrechterhaltung des geheimen Verbindungswesens standen 32 Konspirative Wohnungen, Konspirative Objekte, Deckadressen und Decktelefone zur Verfügung. Die Männer und Frauen um Abteilungsleiter Forner waren besonders eifrige und produktive Neuerer. Das Neuereraktiv setzte sich zusammen aus dem stellvertretenden Abteilungsleiter Gerd Thiede, einem Beauftragten für Neuererwesen sowie aus circa zehn Mitarbeitern. In einem Schreiben an den Vorsitzenden des ZNA der HA VIII, Oberst Richard Lindner, wies Abteilungsleiter Forner mit Stolz darauf hin, dass "…[die Abteilung VIII] über Jahre hinweg zu den aktivsten der Bezirksverwaltung [Suhl] gehört und mehrfach ausgezeichnet bzw. belobigt werden konnte." 
 

Neuerervorschlag 'Schwarz': Ein Herrenlederhandschuh ausgestattet mit einer Kleinkamera

Der Neuerervorschlag "Rad" befasste sich mit dem Einbau einer Funkstation im Reserverad eines Kleinbusses Barkas. Die den Neuerervorschlag einreichenden beiden Mitarbeiter argumentierten, dass mit einem im vorderen Bereich verbauten Gerät und Zubehör (Bedienteil, Lautsprecher und Mikrofon), die Reparatur in Vertragswerkstätten aufgrund einer möglichen Dekonspiration nicht möglich war. Die Neuerer schlugen vor, das Reserverad, welches sich hinter dem Beifahrersitz befand, aufzuschneiden und mit entsprechenden Kontakten zu versehen. Fortan war die Funkstation mit dem Reserverad herausnehmbar und nun konnten auch zivile Werkstätten angesteuert werden. Seit 1973 wurde "Rad" in der Praxis erprobt. Die HA VIII lobte den Suhler Neuerervorschlag und prämierte die Neuerer mit 300 Mark.

Neuerervorschlag 'Wiese'. Ein Gemeinschaftsprojekt der für das MfS inoffiziell tätigen Beobachterinnen 'Camilla', 'Carmen', 'Monika' und 'Susann'

Im Rahmen des Neuerervorschlages "Ecke" wurde eine Praktica-Kamera mit einem Objektiv ausgestattet, welches Personen und Objekte erfasste, welche sich in einem 90 Grad Winkel zum Fotografen befanden. Die diesbezüglich 1978 abgeschlossene Neuerervereinbarung argumentierte, hierdurch eine neue Tarnungsvariante zu konzipieren, bei der offene Fototechnik unter Einhaltung der Konspiration zum Einsatz kam. In der im Stasi-Unterlagen-Archiv Suhl überlieferten Dokumentation ist erkennbar, wie penibel die technischen Parameter verzeichnet und wie intensiv "Ecke" unter verschiedenen Witterungsbedingungen getestet worden ist. In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre stand dem für konspirative Wohnungsdurchsuchung zuständigen Referat 3 "Halogen" zur Verfügung. Dabei handelte es sich um eine in eine Werkzeugkiste integrierte Fotostation für Dokumente. Etwa 45 Arbeitsstunden benötigten die beiden Mitarbeiter damals, um ihren Neuerervorschlag in die Tat umzusetzen. Aus der Werkzeugkiste wurden die Fächer für die Kleinteile entfernt und eine Batterie, kleine Pkw-Scheinwerfer, ein Stativ sowie ein Fotoapparat eingebaut.

Auf den konspirativen Einsatz der Kameratypen "Ammer" und "Robot" in einer Latzhose zielte der Neuerervorschlag "Garn" ab. Sechs Männer und Frauen eines Beobachtungsreferats konzipierten 1982 diese raffinierte Variante der, wie es im MfS hieß, "Körperfotografie". Die Brusttasche der Latzhose war mit einer kleinen Halterung für die Kamera versehen. Als Auslöser diente ein 50 Zentimeter langer Draht, der sich im inneren der Hose befand und in einer der Seitentaschen endete. "Garn", so ist anhand der überlieferten Fotodokumentation ersichtlich, wurde in der Suhler Innenstadt erprobt. Männer, Frauen und Kinder, die sich oftmals weniger als einen Meter vom Kameraobjektiv entfernt aufhielten, gerieten nichts ahnend in den Fokus des MfS.

Alle Prototypen der im MfS übernommenen Neuerervorschläge wurden von den NA weiter über die ZNA an das ZBfN übermittelt, dort archiviert und aufbewahrt. Was im Zuge der Friedlichen Revolution mit diesem Sammelsurium geheimpolizeilicher Artefakte geschah, ist unbekannt. Das Neuererwesen bot allen MfS-Angehörigen die Möglichkeit, sich aktiv an der Gestaltung des unmittelbaren Dienstalltags zu beteiligen. So ist das tschekistische Ideenmanagement vor allem ein Beispiel dafür, wie Kreativität zu Destruktion und Repression führen kann.

Der ausführliche Beitrag findet sich in Heft 98 der "Gerbergasse 18":  
Sascha Münzel: Kreative Tschekisten. Ideenmanagement im Ministerium für Staatssicherheit. In: Gerbergasse 18. Thüringer Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte und Politik. 1/2021. Heft 98. S. 54-58.