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Matthias Domaschk sitzt auf einem Bordstein am Marktplatz Jena. Er blättert durch mehrere Zettel, die er sich auf den Schoß gelegt hat.

Tod in Stasi-U-Haft

Am frühen Abend des 10. April 1981 stieg der 23-jährige Matthias Domaschk zusammen mit seinem Freund Peter Rösch in Jena in einen Zug nach Ost-Berlin. Sie wollten zu einer Geburtstagsfeier. Doch eine Stunde vor Berlin wurden beide aus dem Zug geholt. Ein Verhörmarathon begann, der zwei Tage später, am 12. April, in der Untersuchungshaftanstalt Gera endete. Dort fanden Stasi-Mitarbeiter Matthias Domaschk um 14:15 Uhr tot in einem Raum vor. In den Stasi-Akten ist von Suizid die Rede, doch widersprüchliche Indizien schüren bis heute Zweifel an dieser Version.

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Geboren in Görlitz am 12. Juni 1957, zog Matthias Domaschk zusammen mit seinen Eltern und seiner Schwester im Alter von 13 Jahren in die Neubausiedlung Jena-Neulobeda. In der Universitätsstadt Jena traf er in den 70er Jahren auf eine lebendige Szene mit zahlreichen Jugendgruppen, die sich über Musik, Philosophie und unterschiedliche Lebensentwürfe austauschten. Die Kirchen unterstützten diesen Austausch mit ihrer "offenen Arbeit". In diesen "Jungen Gemeinden" boten sie den Jugendlichen einen sicheren Rückzugsort vor staatlicher Bevormundung und einen Raum für offene Diskussionen. Daher waren sie schnell auch Gegenstand von Stasi-Ermittlungen. Matthias Domaschk fand den Weg in die "Junge Gemeinde" in Jena-Altlobeda über seine Mutter, die dafür sorgte, dass ihr Sohn konfirmiert wurde.

Matthias Domaschk sitzt in einem Garten, im Hintergrund ist das Haus und ein Blumenbeet zu erkennen. Vor ihm steht eine Tasse Kaffee. Er schaut direkt in die Kamera.

Matthias Domaschk und die Jenaer Szene

Bei den Treffen der "Jungen Gemeinde" lernte Matthias Domaschk unangepasste Gleichaltrige mit ganz verschiedenen biographischen Hintergründen kennen, darunter Lehrlinge, Studierende, aber auch Künstlerinnen und Künstler. Sie hörten westliche Radiosender, tauschten Bücher von in der DDR schwer zu findenden Autoren aus und unternahmen Wanderungen in den Thüringer Wald. Einige dieser Jugendlichen und jungen Erwachsenen hatten bereits Erfahrungen mit den Repressionen des SED-Staates gesammelt, manche sogar im Gefängnis gesessen.

Auf einer Silvester-Party der "Jungen Gemeinde" lernte Matthias Domaschk 1975 die junge Vikarin Renate Groß kennen. Die beiden waren bald ein Paar. Der gerade volljährig gewordene Schüler zog in ihre Wohnung im Jenaer Zentrum. Dort besuchte Domaschk die "Zentrale Junge Gemeinde", in der der Diakon Thomas Auerbach seit Anfang der 70er Jahre die "offene Arbeit" leitete. Domaschk wurde aktives Mitglied der "Jungen Gemeinde" und beteiligte sich bei der Organisation von Veranstaltungen wie Lesungen, Konzerten oder Wochenendausflügen. Dabei lernte er junge Menschen aus der ganzen DDR kennen.

Vier Personen auf einem Bordstein am Marktplatz im Jenaer. Während im Vordergrund ein junger Mann mit Brille auf dem Boden liegt und seine rechte Faust nach oben streckt, sitzen die anderen drei über ihm auf einer Bordsteinkante. Die oben in der Mitte befindliche Renate Groß lacht in die Kamera. Rechts neben sitzt Matthias Domaschk, der ebenfalls die Faust nach oben streckt.

So kam Matthias Domaschk auch zum Lyrikzirkel und zum Arbeitskreis Literatur und Lyrik. In beiden Gruppen wurde kritisch über die Zustände in der DDR diskutiert. Matthias Domaschk half beim Aufbau einer geheimen Bibliothek und stellte seine Wohnung für Lesungen zur Verfügung, zu denen bis zu 30 Leute und mehr kamen. Darunter waren kritische Dichter wie Lutz Rathenow, der Gründer des Arbeitskreises, oder der Bürgerrechtler Jürgen Fuchs. Die Stasi hatte auch diese Zusammenkünfte bald im Visier. Ihre Analyse: Die jungen Menschen zeigten vorwiegend in "feindlich-negativen Zusammenschlüssen im Rahmen bestehender oder sich herausbildender Gruppierungen gesellschaftswidrige Verhaltensweisen". Deshalb seien "zur Verhinderung ihres Wirksamwerdens politisch-operative Maßnahmen" notwendig (BStU, MfS, JHS, Nr. 23983, Bl. 4). Die Stasi schmiedete Pläne, um die gesamte Szene zu erkunden und sie schlussendlich auseinanderzubringen.

Die Ausbürgerung Wolf Biermanns

Die Entfremdung Domaschks und seines Freundeskreises vom SED-Staat vertiefte sich mit der Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann im Spätherbst 1976. Zusammen mit anderen Jenaer Oppositionellen unterschrieb Matthias Domaschk einen offenen Brief von prominenten Schriftstellern und Kunstschaffenden, der sich gegen die Ausbürgerung wandte. In Stasi-Akten ist verzeichnet, dass Domaschk die Unterschriftenlisten auch weiter verbreitete. Infolgedessen verhaftete das MfS ihn und seine schwangere Freundin Renate Groß und durchsuchte ihre Wohnung. In der Kreisdienststelle Jena verhörte Stasi-Oberleutnant Horst Köhler die beiden getrennt voneinander. Durch Gespräche in der "Jungen Gemeinde" und im Arbeitskreis Literatur und Lyrik wusste Domaschk, dass man bei einem Stasi-Verhör am besten jede Aussage verweigert. So schwieg er 20 Stunden lang, bis er aus dem Nebenzimmer Frauenschreie hörte und diese für die seiner Freundin hielt. Doch Stasi-Mitarbeiter hatten die Schreie per Tonband abgespielt, um Domaschk zum Reden zu bringen – eine erfolgreiche List. Die Stasi entließ Domaschk wieder. Wenige Wochen später, im Dezember 1976, brachte Renate Groß die gemeinsame Tochter Julia zur Welt.

Es sind drei Personen zu sehen. Während Matthias Domaschk in der Mitte sitzt und mit einem links neben ihm befindlichen, auf dem Boden sitzenden Mann spricht, schaut die rechts neben Domaschk sitzende Renate Groß nach rechts außerhalb der Bildaufnahme.

Kurz vor seinen mündlichen Abiturprüfungen wurde Matthias Domaschk im Mai 1977 aufgrund seiner Beteiligung an der Biermann-Unterschriftenaktion von der Schule geworfen. Einige seiner Freunde waren im Zuge der Unterschriftenaktion festgenommen worden und saßen in Untersuchungshaft. Domaschk ließ sich nicht einschüchtern und begann Geld für die Rechtsanwaltskosten der Inhaftierten zu sammeln.

Da Renate Groß Verbindungen zu Vertretern der tschechoslowakischen Bürgerrechtsgruppe Charta 77 hatte, fuhr Domaschk mit ihr über Pfingsten 1977 nach Prag. Bei einem weiteren Einreiseversuch im August desselben Jahres durchsuchte der Zoll Domaschk und einen mit ihm reisenden Freund. Die Beamten durchblätterten Notizbücher und stellten Adressen mehrerer Freunde und Bekannter in Leipzig, Plauen und Berlin sicher. Die Vorschriften sahen eine Weiterleitung der Informationen an die Stasi vor. Unter dem Namen Operativ-Vorgang (OV) "Kanzel" eröffnete die Stasi dann im Dezember 1977 eine Akte gegen Renate Groß, in der auch Domaschk Erwähnung fand. Unter anderem ist dort dokumentiert, dass Domaschk in Prag Petr Uhl von der Charta 77 getroffen hatte (BStU, MfS, BV Gera, AOP, Nr. 452/79). Zudem vermutete das MfS, Domaschk habe auch Kontakte zum polnischen Menschenrechtskomitee KOR aufgebaut und Texte von Jürgen Fuchs oder der Charta 77 vervielfältigt und verbreitet.

Die NVA und das Leben danach

Von November 1977 bis April 1979 leistete Matthias Domaschk seinen Wehrdienst bei der Nationalen Volksarmee (NVA) bei einer Panzerschützen-Division weit im Nordosten an der polnischen Grenze. Es war ein Dienst, den er als Pazifist verabscheute, dem er sich aber wegen der befürchteten Repressalien nicht zu entziehen wagte. Zurück in Jena wechselte er seinen Beruf und wurde Belüftungsschlosser beim Zentralinstitut für Mikrobiologie. Auch sein Privatleben ordnete sich neu. Nach der Trennung von Renate Groß zog er mit seiner neuen Freundin Kerstin Hergert zusammen, während Groß 1980 mit der gemeinsamen Tochter Julia in den Westen ausreiste. In dieser Zeit traf Domaschk in Jena verbliebene Freunde wie Peter Rösch oder Ralph Türke und nahm auch wieder an den Abenden der "Jungen Gemeinde" teil.

Domaschk erlebte den Staat DDR immer wieder als eine Zumutung für das eigene Leben. So musste er den Wunsch, seine Freundin im Frühjahr 1980 zu heiraten, um ein Jahr aufschieben. Denn Kerstin Heger war wegen Zuspätkommens zur Arbeit – vom Staat als "asoziale Lebensweise" kriminalisiert – inhaftiert worden. Stattdessen begab sich Matthias Domaschk mit seinem Freund Peter Rösch auf eine Art Wanderschaft durch die DDR. An Wochenenden fuhren sie nach Leipzig, Halle, Weimar oder Plauen und besuchten Konzerte, Partys und Freunde.

Im August 1980 trampten Domaschk und Rösch durch Polen bis nach Danzig. Sie hatten von den Streiks der unabhängigen Arbeitergewerkschaft Solidarność gehört – und wollten diese in der Danziger Werft selbst miterleben. Die Stasi erfuhr durch einen IM von dieser Reise und eröffnete den Operativen Vorgang (OV) "Qualle" über Domaschks Freund Rösch und andere Jenaer. In diesem OV verzeichnete sie Matthias Domaschk als Person in Röschs persönlichem Umfeld (BStU, MfS, BV Gera, AOP, Nr. 449/84).

Auf dem Foto liegen und sitzen viele Jugendliche und junge Menschen auf einer Wiese. Einige Bierflasche sind zu erkennen. Im Hintergrund stehen einige Männer um einen Grill. Links ist Peter Rösch zu erkennen, der einem auf dem Boden liegenden Matthias Domaschk beim Aufstehen hilft.

Festnahme und Tod nach dem Stasi-Verhör

Am 10. April 1981, einem Freitagnachmittag, machten sich Matthias Domaschk und Peter Rösch erneut zu einer Party auf. In Ost-Berlin feierte ein gemeinsamer Freund seinen Geburtstag. Doch bis in die Hauptstadt kamen sie nicht. In Jüterbog, ungefähr eine Stunde vor Berlin, betraten Transportpolizisten den Zug und nahmen Domaschk und Rösch gegen 20:30 Uhr fest. Sie wurden verdächtigt, am folgenden Tag den X. Parteitag der SED in Ost-Berlin stören zu wollen.

Bereits seit Ende März 1981 war die Anordnung des MfS aktiv, mögliche Störaktionen zu unterbinden und potentielle "Störer" vorbeugend zu inhaftieren. Diese Pläne der "politisch-operativen Absicherung" des Parteitages waren unter dem Titel "Kampfkurs X" verfasst. Bereits am 1. April 1981 hatte die Stasi ihre Maßnahmen und den Stand der Absicherung in einem umfassenden Bericht an die Staats- und Parteiführung übermittelt (siehe Dokument in der Datenbank "Die DDR im Blick der Stasi", "Absicherung des X. Parteitages der SED", BStU, MfS, ZAIG, Nr. 4157, Bl. 1–27). In dieser Stimmung einer besonders aufmerksamen Stasi, die der Partei zeigen wollte, dass sie jede Art von Protest im Blick hat und ihn verhindern will, wurden Domaschk und Rösch von der Tansportpolizei festgenommen. Sie wurde im Sinne des politisch-operativen Zusammenwirkens (POZW) aller Sicherheitseinrichtungen der DDR für das MfS tätig. Zuvor hatte ein IM seinem Führungsoffizier in der Kreisdienststelle Jena gegenüber die Vermutung geäußert, die beiden seien vielleicht wegen des Parteitags unterwegs nach Berlin.

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Domaschk und Rösch wurden im Bahnhofsrevier zunächst von der Transportpolizei verhört, die dann die MfS-Kreisdienststelle Jena informierte. Von dort aus wurden MfS-Vernehmer der Kreisdienststelle Potsdam beauftragt, ins nahe gelegene Jüterborg zu fahren, um eine tiefergehende Befragung durchzuführen. Domaschk und Rösch wurden immer wieder nach dem Grund ihrer Reise nach Ost-Berlin befragt. Als Antwort erhielt die Stasi stets, dass sie eine Geburtstagsfeier besuchen wollten. Nach einem stundenlangen Verhör in der tiefsten Nacht ohne ein für die Stasi brauchbares Ergebnis, sollten Domaschk und Rösch nach Jena gebracht werden, um die beiden mit den dort gesammelten Informationen rund um die "Junge Gemeinde" und andere Verbindungen zu konfrontieren. Doch das einzige geeignete Fahrzeug hatte einen irreparablen Motorschaden. So wurden Domaschk und Rösch erst 24 Stunden nach der Zuführung mit einem Ersatzfahrzeug nach Süden gebracht, in die MfS-Untersuchungshaftanstalt Gera. Das Fahrzeug kam dort am 11. April gegen 23:00 Uhr an.

Kurze Zeit später erreichte auch der vorgangsführende Offizier aus der Kreisdienststelle Jena, Horst Köhler, Gera. Köhler hatte Matthias Domaschk schon fünf Jahre zuvor nach der Unterschriftenaktion zur Biermann-Ausbürgerung verhört. So begann für Domaschk und Rösch gegen 23:05 Uhr ein weiterer 13-stündiger Verhörmarathon in getrennten Zimmern. Die Vernehmer waren Hauptmann Dieter Strakerjahn, Oberleutnant Hans-Joachim Seidel und Leutnant Roland Peißker von der Abt. IX (Untersuchung) der BV Gera. Die Vernehmer besprachen sich während des Verhörs mit dem in einem Nebenzimmer befindlichen Jenaer Offizier Horst Köhler. Dieser gab ihnen die inhaltlichen Vorgaben und Informationen über Domaschk, Rösch und die Jenaer Szene, die die Verhörtaktik bestimmten und den Eindruck der Allwissenheit vermittelten. Sie befragten Domaschk erneut zu seiner Beteiligung an der Biermann-Unterschriftenaktion und seinen Kontakten in die Tschechoslowakei und nach Polen. Zur Taktik eines Verhörs in der Stasi-U-Haft gehörten auch Schlafentzug und fortgesetzte Einschüchterung.

In den Unterlagen zu diesem 13-stündigen Verhörmarathon findet sich eine Verpflichtungserklärung, die von Matthias Domaschk unterschrieben worden sein soll. In einer sauberen Handschrift – nach fast zwei Tagen ohne Schlaf, unter ständiger Aufsicht von Stasi-Offizieren – steht dort, dass er sich verpflichtet, fortan als inoffizieller Mitarbeiter zu arbeiten. Diese Verpflichtungserklärung ist seit der Öffnung der Akten 1992 ein Objekt der Interpretation und vieler Fragen. Hat Matthias Domaschk wirklich keinen anderen Ausweg gewusst, als sich als IM zu verpflichten? Und wenn, kann er am Ende dieser zwei Tage in Haft wirklich so sauber geschrieben haben? Falls nicht, hätte die Stasi überhaupt ein Dokument manipuliert, das nach ihrem Verständnis niemand außerhalb des MfS je zu Gesicht bekommen hätte? Bis heute lassen sich diese Fragen nicht zweifelsfrei klären und befeuern auch die Argumente für oder gegen den von der Stasi behaupteten Selbstmord.

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Den Ablauf des 12. April 1981 zeichnet ein Stasi-Protokoll nach: Gegen 12:45 Uhr endete das Verhör. Eine Dreiviertelstunde später führte der Wachhabende der Untersuchungshaftanstalt, Wolfgang Schaller, Domaschk vom Vernehmungsraum in ein "Besucherzimmer". Hier sollte Domaschk auf seine Rückführung nach Jena warten. Laut Stasi-Bericht kam Wolfgang Schaller gegen 14:15 Uhr in den Besucherraum, um den Häftling über seinen Rücktransport zu informieren. Doch Schaller fand Matthias Domaschk tot auf – laut Stasi-Protokoll erhängt mit seinem zusammengedrehten Hemd an einem Heizungsrohr. Der herbeigerufene Arzt konnte nur noch den Tod feststellen. Peter Rösch, der von alledem nichts mitbekommen hatte, bestieg währenddessen ein Transportfahrzeug und kehrte nach Jena zurück.

Die Stasi legte nach Domaschks Tod eine Akte an, in der sie die Version eines Suizids zu beschreiben und bestärken versuchte. So wurde von einer "Erarbeitung einer einheitlichen Argumentation zum Vorkommnis" (BStU, MfS, BV Gera, APNr. 1097/81, Bl. 160) geschrieben. Oder dass "alle verantwortlichen Mitarbeiter (der Evangelischen Kirche Thüringen, Anm. d. Redaktion) die offizielle Darstellung des Suicid des Domaschk akzeptierten". Doch einige Details in den Stasi-Protokollen zu Domaschks Tod sind widersprüchlich. Dies betrifft vor allem den zeitlichen Ablauf der Ereignisse sowie die Benennung der Räume, in denen sich Domaschk in Gera befunden haben soll. Auch die Obduktionsberichte belegen nicht zweifelsfrei einen Suizid durch Erhängen. So bleiben bis heute große Zweifel an der Version der Stasi zur Todesursache von Matthias Domaschk.

Die Hauptabteilung IX fasste den Fall Domaschk am Tag nach seinem Tod in einem Bericht zusammen und gab Vorschläge zum weiteren Vorgehen.

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Nachwirkungen

Die Stasi versuchte alles, um den Tod von Matthias Domaschk in Stasi U-Haft nicht öffentlich werden zu lassen. Sie ließ die Todesursache Suizid von Inoffiziellen Mitarbeitern in Jena und den "Jungen Gemeinden" verbreiten und versuchte seine Bestattung möglichst im kleinen Kreis stattfinden zu lassen. Trotz eines großen Stasi-Aufgebotes auf dem Friedhof kamen an die Hundert Menschen, um sich von "Matz", wie er für viele hieß, zu verabschieden.

Am 12. April 1982 – Domaschks erstem Todestag – gelang es seinem guten Freund Roland Jahn über eine List Todesanzeigen in den SED-Blättern "Thüringer Landeszeitung" und "Volkswacht" zu platzieren. Weil das Kopieren von Papier nicht einfach möglich war, klebte Jahn anschließend eine Reihe von ausgeschnittenen Anzeigen aus angesammelten Zeitungsexemplaren an gut sichtbaren Stellen in ganz Jena auf. An diesem ersten Todestag war zudem an seinem Grab eine Skulptur des Bildhauers Michael Blumhagen aufgestellt worden, die jedoch kurz darauf von der Stasi wieder abgebaut wurde. Roland Jahn konnte diese Aktion fotografieren. Über Bekannte in Ost-Berlin und Kontakte zu ausgebürgerten Freunden gelangte die Nachricht von diesen beiden Aktionen auch in die Westmedien. Diese verstärkte Aufmerksamkeit hatte zur Folge, dass die Stasi die Jenaer Szene weiter einschüchterte. Die Folge waren weitere Verhaftungen und Ausbürgerungen (siehe Dokumentenheft zur Aktion "Gegenschlag").

Zwischen Blumen und Sträuchern steht eine helle Plastik. Sie stellt eine menschliche Figur da, die auf einem Statuensockel sitzt. Die gedrungene Gestalt hat ihre Beine ineinander geschoben und hat die linke Hand nachdenklich auf den Hinterkopf gelegt. Auf dem Statuensockel sind Domaschks Namen und seine Lebensdaten zu erkennen.

Bis heute ist der Tod von Matthias Domaschk nicht aufgeklärt. Im September 2000 kam es zum bisher letzten Prozess. Das Gericht verurteilte sieben beteiligte MfS-Offiziere (darunter Domaschks Vernehmer Strakerjahn, Seidel und Peißker) wegen Freiheitsberaubung zu niedrigen Geldstrafen. Eine 2015 gegründete Arbeitsgruppe "Matthias Domaschk 2.0", unterstützt von der thüringischen Landesregierung, hat den Fall wieder aufgerollt. Viele Ungereimtheiten traten zu Tage, die den Verdacht, bei Domaschks Tod habe es sich nicht um einen Suizid gehandelt, erhärteten. Doch was wirklich passiert ist, können nur die damals beteiligten MfS-Mitarbeiter aufklären. Bis heute schweigen sie.

Weiterführende Literatur

  • Henning Pietzsch, Vor 40 Jahren. Matthias Domaschk - das abrupte Ende eines ungelebten Lebens (2021). Auf der Webseite der Bundeszentrale für politische Bildung
  • Henning Pietzsch: Matthias Domaschk 2.0 – Suizid in der Stasi-Haft 81?, Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, Erfurt 2019
  • Freya Klier: Matthias Domaschk und der Jenaer Widerstand, Leipzig 2011
  • Gerold Hildebrand: Matthias Domaschk – eine turbulente und unvollendete Jugend in Jena, in: Horch und Guck. 12. Jg., Sonderheft 2003
  • Interview mit Roland Jahn: "Matz hat mich im Gefängnis in Gedanken begleitet", in: Horch und Guck. 12. Jg., Sonderheft 2003
  • Renate Ellmenreich: Matthias Domaschk - Die Geschichte eines politischen Verbrechens in der DDR und die Schwierigkeiten, dasselbe aufzuklären, in: Horch und Guck, Heft 18 (1/96)
  • Kontraste (ARD) 1993. Was haben sie mit ihm gemacht? Bericht von Roland Jahn und Renate Ellmenreich. Auf der Webseite der Bundeszentrale für politische Bildung
  • Dokumentenheft "Aktion Gegenschlag"