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Irmtraud Morgner und Fritz-Rudolf Fries verfolgen von ihren Plätzen aus die Diskussion im Plenum.

Der X. Schriftstellerkongress der DDR

Literatinnen und Literaten litten in der DDR unter der Bevormundung durch das SED-Regime. Gegen die Zensur regte sich in den 80er Jahren vermehrt offene Kritik. Die zuständige Kulturabteilung des Zentralkomitees der SED, die dem Chefideologen und Politbüromitglied Kurt Hager unterstand, lehnte Lockerungen ab. Der X. DDR-Schriftstellerkongress, der am 24. November 1987 in Gegenwart von Generalsekretär Erich Honecker und sechs weiteren SED-Politbüromitgliedern begann, zeigte aber auf, dass diese harte Linie zunehmend offen kritisiert wurde. Die Staatssicherheit schenkte einzelnen kritischen Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Kongresses und ihrer Meinung nach "feindlich-negativen Kräften" besondere Beachtung.

Bereits im Vorfeld des Kongresses machten verschiedene Autorinnen und Autoren deutlich, dass sie eine staatliche Bevormundung nicht mehr widerspruchslos hinnehmen würden. Häufig kamen sie in diesem Zusammenhang auch auf den Aderlass durch die Abwanderung von Schriftstellerinnen und Schriftstellern aus der DDR zu sprechen.

Im Dezember 1987 äußerte sich die Hauptabteilung XX der Staatssicherheit zu einem Papier der Kulturabteilung des SED-Zentralkomitees. Darin war der Schriftstellerkongress als insgesamt positives Ereignis gewürdigt worden. Dem konnte die Stasi gegenüber der Partei nicht offen widersprechen und so behauptete sie, dass der Kongress "die Stärke und politische Reife des Parteiaktives und des Präsidiums des Schriftstellerverbandes widerspiegelte". Gleichzeitig hielt die Geheimpolizei es aber für notwendig, "das Auftreten einzelner Teilnehmer des Kongresses […] differenzierter und gründlicher zu untersuchen".

Erich Honecker im Gespräch mit Stephan Hermlin

Der BRD-Schriftstellerverband sorgte für Unmut

Zu dem Kongress war auch der bundesdeutsche Schriftstellerverband eingeladen. Dessen Vorsitzende, Anna Jonas, nominierte für die Delegation ihren Stellvertreter, Josef Reding, sowie den Schriftsteller Erich Loest, der die DDR 1981 auf Druck der SED verlassen musste. Loest hatte in der DDR bereits eine langjährige Haftstrafe als politischer Gefangener verbüßt und war 1979 aus Protest gegen die Zensur eines seiner Romane aus dem Schriftstellerverband der DDR ausgetreten.

Laut Stasi-Unterlagen nahm der Präsident des DDR-Schriftstellerverbands, Hermann Kant, die geplante Teilnahme Loests am Kongress als "Provokation" wahr. Die Stasi witterte dahinter eine "Initiative feindlicher Kräfte" in der BRD mit der Absicht, dem Ansehen der DDR zu schaden.

Kritik an staatlicher Zensur

Selbst der Präsident des Schriftstellerverbands der DDR, Hermann Kant, übte in vorsichtiger Form Kritik an der Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel des Kulturministeriums und deren Genehmigungspraxis bei Veröffentlichungen. Damit schnitt er ein Thema an, das zu einem wesentlichen Konflikt auf dem Kongress werden sollte: die Zensur. Kritische Stellungnahmen kamen von mehreren Autorinnen und Autoren, darunter Stephan Hermlin, Günter de Bruyn und am schärfsten Christoph Hein.

Da der Schriftstellerkongress in die Verantwortung der Kulturabteilung des SED-Zentralkomitees fiel, konnte die Staatssicherheit seinen Verlauf nicht offen und pauschal kritisieren. Dennoch macht ein Stasi-Bericht deutlich, dass diese Veranstaltung aus Sicht der Geheimpolizei geradezu aufrührerischen Charakter hatte. So seien in einigen kritischen Redebeiträgen sichtbar grundlegende Positionen der DDR-Staatsmacht angegriffen und der Kongress genutzt worden, um subversive Ziele zu propagieren. Als besonders negativ bewertete die Stasi einen Brief der in Ost und West erfolgreichen Schriftstellerin Christa Wolf, die dem Kongress ferngeblieben war.

 

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Hermann Kant, Eva Strittmatter und Rainer Kerndl am Tisch sitzend im Gespräch.

Die Autorinnen und Autoren beriefen sich in ihrer Kritik oft auf Äußerungen der Führungsspitzen aus dem eigenen politischen Lager. So sah der Präsident des Schriftstellerverbands der DDR, Hermann Kant, seine Forderung nach mehr Offenheit und öffentlicher Kontroverse von Honeckers Erklärung zum 70. Jahrestag der Oktoberrevolution gedeckt. Hier hatte der SED-Generalsekretär die Vorreiterrolle der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) beim Beschreiten neuer Wege gelobt. Andere beriefen sich auf den XX. KPdSU-Parteitag (1956) und den dort aufgedeckten "Missbrauch der Macht" oder zitierten aus dem gemeinsamen Papier von SED und SPD vom August 1987.

Bemerkenswert war, dass auf dem Kongress frei gesprochen und kontrovers diskutiert wurde. Am heftigsten debattierten die Teilnehmenden über die ausgeschlossenen bzw. ausgereisten Schriftsteller und Schriftstellerinnen. Die Meinungsverschiedenheiten verliefen dabei nicht nur zwischen den Verbandsmitgliedern selbst, sondern auch zwischen Schriftstellerinnen, Schriftstellern und Funktionären. Zwar scheiterte der Antrag, den in den 70er Jahren ausgeschlossenen Autoren die Rückkehr in den Verband zu ermöglichen. Außerdem sahen sich weitere "unangepasste" Autorinnen und Autoren zum Verlassen der DDR gezwungen. Dennoch waren diese Versuche, Demokratie zu üben, beachtlich.

Ergebnisse und daraus zu ziehende Schlussfolgerungen des Kongresses wurden weiter diskutiert, wie die Gespräche zwischen Schriftstellerinnen und Schriftstellern des Bezirksverbands Berlin und SED-Funktionären zeigen. Dabei ging es weniger um künstlerische Schaffensprobleme als vielmehr  um die “Diskussion politischer Tagesfragen“, wie das Sputnik-Verbot (1988) oder der Schulverweis gegen Jugendliche an der Ost-Berliner Ossietzky-Schule (1988). Dies veranlasste  die Staatssicherheit weiterhin zu restriktiven Maßnahmen, wie ein Bericht der Berliner Bezirksverwaltung zeigt. Um den "Missbrauch" des Schriftstellerverbands durch "feindlich-negative Autoren" zu unterbinden, forderte die Stasi eine Stärkung der Parteikräfte im Verband.

 

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